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Jaeger(s)latein 11/2017
Renderings, ein prekäres Kapitel

Die Verwunderung der Allgemeinheit über die beispiellose Selbstausbeutung der Architektenschaft und der

Ingenieure beim Wettstreit um Aufträge im Rahmen von Bauwettbewerben ist so alt wie das Wettbewerbswesen selbst. Die Klage der Planer über den damit verbundenen Aufwand natürlich auch. Viele Architekten wollen es aus Furcht vor der niederschmetternden Gewissheit nicht

so genau wissen und vermeiden es, ihren Aufwand

überhaupt zu dokumentieren und zu kalkulieren. Hin und wieder versucht mal jemand hochzurechnen, was ein Wettbewerb die Teilnehmer gekostet hat. Bei manchen Verfahren überschreiten die verlorenen Planungsleistungen sogar die Baukosten des Projekts.

Nun sollte man erwarten dürfen, dass die Auslober in

kollegialer Fürsorge alles daran setzen, den Aufwand für die Teilnehmer so gering wie möglich zu halten, indem an Bearbeitungstiefe nur verlangt wird, was in dieser Phase des Verfahrens unbedingt notwendig ist. Doch die Haltung mancher Auslober, vor allem im öffentlichen Bereich, kann man nur als selbstherrlich oder zynisch bezeichnen. Viel zu oft werden umfangreiche, zum Teil unsinnige Nachweise verlangt. Unsinnig, weil sich zum Beispiel viele Detaillierungen ohnehin im weiteren Planungsverlauf ändern und im Wettbewerbsstadium noch nicht fixiert werden können. Zudem haben sie auf die Juryentscheidung keinen Einfluss.

Großer Unfug sind auch die arbeitsaufwendigen Nachweise im Umwelt- und Energiesektor. Nicht einmal die Vorprüfung, geschweige denn die Preisrichter in der

Jurysitzung sind in der Lage, das Zahlenwerk zu prüfen. Die Einreicher wissen das und jonglieren mit Fantasiezahlen, denn niemand wird mit ungünstigen Werten auftreten und sich damit von vornherein ins Abseits stellen. Und wenn der Entwurf dann tatsächlich zur Realisierung kommt, ändern sich alle Parameter ohnehin nochmal und alles wird neu gerechnet. Ähnlich ist es mit spezifizierten Baukosten. Das Bauvolumen mal Richtwert plus eventuell bautypus- bzw. bauartbedingtem Zuschlagsfaktor genügen vollkommen zur Beurteilung im Rahmen eines Wettbewerbs. 

Man beobachte als Auslober einfach Jurysitzungen und befrage erfahrene Preisrichter, welche Unterlagen und Nachweise sie benötigen und normalerweise ins Kalkül ziehen und welche nicht. Ich habe schon Preisgerichte erlebt, bei denen das Erläuterungsbuch keines Blickes gewürdigt wurde. Allenfalls befragt man mal die Vorprüfer zu einzelnen Aspekten.

Ein für die Teilnehmer besonders prekäres Kapitel trägt die Überschrift „Renderings“. Es ist nachvollziehbar, dass so mancher Sachpreisrichter für die Renderings dankbar ist, weil er sich mit deren Hilfe eher ein Bild machen kann als mit Grundrissen und Ansichtszeichnungen. Andererseits sind unter den Planverfassern die Tricks bekannt, wie man mit anschaulichen Renderings schummeln kann. Später, in der Realität, werden dann aus den luziden

gläsernen Traumgebilden finstere Baublöcke, deren Wucht niemand vorausgesehen haben will.

Renderings sorgen auch, weil sie so teuer sind, für Chancenungleichheit unter den teilnehmenden Büros, denn wer viele leckere Bilder zeigt, verschafft sich einen Vorteil. Preisrichter sollten in der Lage sein, die Entwürfe ohne die illusionistischen Hilfsmittel zu beurteilen. Zumal das endgültig Erscheinungsbild mehr von späteren Planungsentscheidungen, Materialwahl und dergleichen abhängt.  

Renderings zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass auf ihnen die Architektur durch Menschen bevölkert ist: Schicke, zeitgeistige Jungmanager(innen) schlendern

telefonierend durch die Szenerie. Wahlweise, bei Wohnungsbau, Jungmütter mit Modellkind, Kinderwagen

und Luftballon. Anfangs kannte jeder Preisrichter die Herrschaften aus den Vorlagebibliotheken der CAD-Programme. (Übrigens konnte mir bislang kein Architekt

erklären, weshalb zwar auf seinen Renderings, nicht jedoch auf den makellosen Fotos seiner fertigen Bauwerke Menschen zu sehen sind.)

Renderings sollten also aus den Anforderungskatalogen der Wettbewerbe verschwinden bzw. nicht zugelassen werden. Es geht ja hier nicht um die Interessen der Fachzeitschriften, die natürlich davon profitieren, dass sie attraktive Bilder publizieren können. Der Vergleich aktueller Ausgaben mit jenen aus der prädigitalen Bauzeichnerära macht das deutlich. Es geht darum, das Wettbewerbs-wesen zu entschlacken und für den Nachwuchs attrak-tiver bzw. überhaupt erst wirtschaftlich zugänglich zu machen. Das wäre ein schönes Ziel.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin