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Jaeger(s)latein 9/2017
Geschichte wird gemacht

Neulich, in Südfrankreich, kam mir eine prima Geschäftsidee:

Patina! Man müsste eine Methode finden, frisch

renoviertes Mittelalter alt aussehen zu lassen. Oder

Renaissance aus der Retorte wie am Frankfurter Römerberg

mit dem Mantel der Geschichte überwehen lassen.

Über die Methode denke ich noch nach. Holzwürmer und

Spinnen züchten, scheidet aus, dann bräuchte man ja

nicht renovieren und könnte die Balken gleich weitermodern

lassen. Vielleicht Algen, Pilze und Bakterien zum

Ergrauen der Fassaden? Muss man allerdings die

Forschung zunächst im Hochsicherheits-Biolabor betreiben,

sonst verduften die Tierchen unkontrolliert. Stilkenntnis

kann man ihnen ja nicht unterstellen und so besteht

die Gefahr, dass sie sich aus Versehen über Hightech von

Ingenhoven oder Foster hermachen und es aussehen

lassen wie Lebbeus Woods’ Endzeitvisionen oder Kevin

Costners Waterworld.

Es hat ja schon mit Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc

angefangen, der aus den Ruinen von Carcassonne (und

nicht nur dort) sein erträumtes Mittelalter gemacht hat.

Der Schlingel dachte sich so schöne Baugeschichte aus

und ließ landesweit mittelalterliche Ruinen so hinreißend

idealisierend wiederaufbauen, dass er es 1853 zum Generalinspekteur

aller kirchlichen Bauten in Frankreich

brachte. Spätere Kunsthistoriker und Denkmalpfleger

schalten ihn allerdings einen „vandalist restaurateur“, weil

er den unwiederbringlichen Verlust vieler Originalbefunde

zu verantworten hat.

Heute tut der Fremdenverkehr sein Übriges. In der historischen

Festungsstadt Carcassonne gibt es kein einziges

normales Haus oder Geschäft, das nicht dem Tourismus

dient. Alles ist perfekt, kein Fensterladen hängt schief,

kein Quadratzentimeter Putz ist abgefallen, kein Firstziegel

zerbrochen. Authentisches Mittelalter, das die in Strömen

durch die Gassen schiebenden Touristen hier

erleben wollen, sah anders aus – und roch auch anders,

denn statt nach Hühnermist und Schlachtabfällen riecht

es nach Crêpes und Räucherstäbchen.

Drüben in Toulouse hat Viollet-le-Duc übrigens auch sein

Unwesen getrieben, hat die größte erhaltene romanische

Kirche Frankreichs, St. Sernin, noch größer gemacht, ihren

Turm nach seinem Gusto zu Ende gebaut, die Mauerkronen

mit sauber gemeißelten, römisch anmutenden Galerien

geschmückt. Nur der Fachmann mit kundigem Blick

kann erahnen, was 900 und was 150 Jahre alt ist. Zwei

prächtige Westtürme, nie aufgeführt, hat er sich auch einfallen

lassen, doch glückliche Umstände verhinderten

deren Realisierung. „Einen vollendeten Zustand“ wollte er

herbeiführen, wie er „vielleicht niemals existiert hat“.

Schön wie noch nie, so sieht es heute in allen touristischen

Historien-Hotspots aus, nicht nur in Frankreich. Die

Altstädte waren in all den Jahrhunderten noch nie so

komplett in bautechnisch perfektem Zustand, sandgestrahlt

und in frischen Farben gestrichen. Wohl dem, der

sich Reiseerinnerungen aus den 50er- und 60er-Jahren

oder aus Quedlinburg vor der Wende bewahren konnte!

Noch vor einem Menschenleben war das grobe Kopfsteinpflaster

eine Gefahr für Fuß und Huf. Heute stöckelt

die Damenwelt in Pumps gefahrlos durch die glattgehobelten,

verkehrsberuhigten Fußgängerzonen.

Ich fürchte, mit ein wenig Patina ist da nichts mehr zu machen.

Die „gute alte Zeit“ ist endgültig einer noch besseren,

unhistorisch perfekten „alten Zeit“ gewichen. Traurig?

Wir müssen jetzt tapfer sein und uns unser authentisches

Mittelalter-Feeling im Kino holen, in Filmen, die zwar auch

in Carcassonne, Rothenburg o.T. und Prag spielen, aber

in vom Bühnenbildner aufwendigst retuschierten Settings

und Locations. Wegen der einen oder anderen übersehenen

Fernsehantenne drücken wir ein Auge zu.

Im Übrigen betreiben wir „kreative Denkmalpflege“ und

verfügen über bauhistorische Relikte nach Belieben und

verwerten sie nach ökonomischen Kriterien. „Sensibles

Weiterbauen“ gilt als ebenso ehrenwertes wie legitimes

Verhalten gegenüber dem historischen Erbe, das hat man

schließlich immer so gemacht. Versatzstücke wie der skelettierte

Fachwerkgiebel in Toulouse, hinter den man kurzerhand

eine Glasfassade gesetzt hat, „erzählen“ uns

nun die Geschichte und die Geschichten, die wir glauben,

nicht mehr im Originalzustand über die Zeit retten

zu können.

Bald wird es keinen Unterschied mehr machen, ob wir

nach Hallstatt im österreichischen Salzkammergut oder

in dessen Replik nach Boluo in der chinesischen Provinz

Guangdong reisen.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin