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Jaeger(s)latein 02/2018
Berlin verblüfft und begeistert

Jener Teil der wa -Leserschaft, der die deutsche Hauptstadt nicht ohnehin ständig im Fokus hat, ist, wenn er auf der Höhe der Zeit bleiben will, gut beraten, sich den Tatsachen zu stellen und sich neu zu orientieren. Denn die Eliten und Avantgarden der Weltbaukunst, die Theoretiker und Großkritiker der internationalen Architekturpublizistik, alle streben sie nach Berlin und treffen sich in der Paris Bar. Berlin leuchtet, es verblüfft und begeistert mit seiner Baukunst immer wieder. Warum das so ist, wurde kurz vor Weihnachten wieder einmal allen Zweiflern vor Augen
geführt.
Mitte Dezember war nicht nur die fiebrige Zeit, in der sich die Hauptstadt für das bevorstehende Weihnachtsfest 
rüstete, sondern Berlin erlebte auch die Feierlichkeiten des Richtfests am Erweiterungsbau des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Wieder ein Werk der Baukunst, mit dem Berlin seine Führungsrolle in der Architektur des Landes und darüber hinaus eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Der Bau selbst hüllt sich noch in ein Gerüst, doch schon die Renderings lassen keinen Zweifel aufkommen: Anspruchsvoll und doch angemessen, elegant, nobel und mit von innen ausstrahlender Schönheit tritt der Bau vor Augen, eine Inkunabel der Baukultur und gleichzeitig ein Sinnbild der in Berlin konzentrierten politischen Hochkultur unseres Landes.
Meisterlich, wie die Phalanx der Fensteröffnungen in festem, unerschütterlichem Takt die Fassaden gliedert. Wie sensibel das Haus den Genius Loci erspürt, mit seiner Natursteinfassade und dem dezenten Fugennetz mit einem verschmitzten Augenzwinkern fast ein wenig schelmisch das örtliche Generalthema des „Steinernen Berlins“ interpretiert. Wie fein das Verhältnis zwischen geschlossenen Flächen und den die transitorische Zone zwischen innen und außen definierenden Öffnungen austariert ist. Wie der Bau, jeden Anschein an Sockelzone vermeidend, fest in der Erde wurzelt und dennoch mit transparenten, brüs-tungslosen Öffnungen den Bürger wie den Flaneur gleichsam mit offenen Armen willkommen heißt. Wie die Gestalter der Beletage subtil besondere Aufmerksamkeit angedeihen ließen, indem sie die Fenster mit einem schmalen Öffnungsflügel sanft verbreiterten und ihnen gestatteten, fast unmerklich aus der ansonsten streng gewahrten Achsendisziplin auszubrechen.
Wie schließlich das fünfte Obergeschoss, abgesetzt durch den Hauch nur eines Hauptgesimses, dem Kenner eine Erinnerung an den Trockenboden-Mezzanin des Berliner Gründerzeithauses vermittelnd, der Fassade ihren oberen Abschluss verleiht und dem aufwärts
gleitenden Auge bedeutet: Hier beginnt der Himmel über Berlin! Das ist wahrlich hohe Baukunst.
Es gehört zwar zu den Merkmalen unserer schnelllebigen, bildersüchtigen Zeit, dass derlei leisen, dennoch fundamentalen Qualitäten in der Öffentlichkeit oft nicht die ihnen zukommende Aufmerksamkeit zuteilwird. Hier jedoch zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Erweiterung des Sozialministeriums als Bilbao der 2010er-Jahre in die Baugeschichte eingehen wird. Die Stadtrundfahrten werden mit ihren Bussen die Schleife durch die Wilhelmstraße in ihr Itinerar aufnehmen und der Senat von Berlin steht vor der gewaltigen Aufgabe, rund um die Uhr rechtzeitig für reibungslose Verkehrsverhältnisse zu sorgen. Dies allerdings darf man dem in der Bewältigung prekärer Verkehrsprobleme höchst versierten und erfolgreichen Berliner Senat durchaus zutrauen.
 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin