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Jaeger(s)latein 01/2018
Heraklit – Erzfeind der Denkmalpfleger

Kürzlich gingen Meldungen durch die einschlägigen Medien:

Das Hanse Viertel in Hamburg soll abgerissen werden.

Ein Fragezeichen steht freilich noch dahinter, denn

das Objekt soll von der Allianz an ECE verkauft werden.

Derzeit prüft das Denkmalamt eine Unterschutzstellung.

Für mich unfassbar, denn das von Volkwin Marg entworfene

und 1980 eröffnete Hanse Viertel mit seiner Passage

war für mich immer der Innbegriff der Wiederbelebung

der Innenstadt, der Stadtreparatur und der Passagenkultur

des überdeckten öffentlichen Raums. „Der sanfte

Schwung des Chilehauses, das kräftige Relief und die

Noblesse der alten Hamburger Kontorbauten aus Backstein,

die Glasarchitektur der gründerzeitlichen Hotelbauten,

all dies ist im neuen Eckgebäude des Hanse Viertels

in kongenialer Weise in die Jetztzeit übersetzt worden.

Doch der qualitätvolle Neubau bereitet erst vor auf den

Höhepunkt des Quartiers, auf die Passage durch den

Häuserblock. Nicht das kommerzorientierte Shopping-

Center […] lag im Interesse des Investors und der Architekten,

sondern das Architekturerlebnis“, schrieb ich

1985.

Der Passage war anfangs auch großer Erfolg beschieden

wie auch den anderen neuen Passagen in Hamburg,

die postmodern verspielte Galleria von Trix und Robert

Haussmann etwa. Wie auch der gefeierten Calwer Passage

in Stuttgart (1978, Kammerer + Belz) und neuen

Passagen in Hannover, Wulfen und anderenorts.

Es ist absurd, aber das viele Geld, das derzeit durch die

Welt vagabundiert und Anlagemöglichkeiten sucht,

macht den Passagen als Kommerzeinrichtung zu schaffen.

Die erzielbaren Renditen sind nicht genug. Die 1-a-

Standorte müssen neu bebaut werden, gerne mit der

drei- bis vierfachen Nutzung. Von 300 Millionen Euro

Kaufpreis für das Hanse Viertel wird gemunkelt. Die

Neuinvestitionen werden ein Vielfaches betragen. Wie soll

das Geld verdient werden? Mit einer gemütlichen Passage,

wo der Flaneur alter Schule das Stadtleben genießt,

beiläufig einen edlen Seidenschal erwirbt und im Café bei

einer Sumatra seinen Sherry nimmt, eher nicht.

So sind die Passagen in akuter Gefahr. 9.000 mÇ und

60 Ladengeschäfte sind ECE zu wenig für ein Einkaufszentrum.

Aber warum muss es ein normiertes ECEZentrum

mit den langweiligen Kettenläden sein? Der Charakter

der Passagen wandelt sich. Unter dem ökonomischen

Druck gehen alteingesessene, eigentümergeführte

Läden in die Knie und werden durch Billig-Ketten ersetzt

oder durch Branding Stores, die gar nicht zum Umsatzmachen

gedacht sind. Vice versa ändert sich das Publikum.

Kreuzfahrttouristen schieben durch die Passagen,

dem Stadtbürger ist hier nicht mehr gedient. Nichts ist beständiger

als der Wandel, die Einsicht Heraklits ist wohl

stärker als das Bedürfnis, Gutes zu bewahren, vor allem,

wenn es Mühe macht und den Profit schmälert. Die Zeit

der architektonisch ambitionierten, überschaubaren,

kommerziell vielfältigen, stadtstrukturell gut vernetzten,

kurzum, kultivierten Passagen ist wohl Geschichte.

Oder doch nicht? Wie kommt es, dass die Passagen des

19. Jahrhunderts und des Jugendstils von Paris bis

Görlitz nach wie vor hoch geschätzt und sakrosankt sind

und von Investoren wie Betreibern in Gang gehalten werden,

während jene durchaus ansehnlichen Passagen zur

Zeit der Postmoderne, wo sie eine Art Renaissance erlebten,

aber von der Finanz- und Immobilienwirtschaft als

bloße Verfügungsmasse gesehen werden?

Wir rufen nach dem Denkmalamt, und in der Tat ist das

Hanse Viertel, eine veritable Hamburgensie, derzeit im

Fokus der Denkmalschützer. Vielleicht lässt sich ja Heraklit

überlisten. Vielleicht kann man als „Beifang“ des

Denkmalschutzes für die Baulichkeiten ein Stück Stadtkultur

erhalten. Und vielleicht kann man dadurch Global

Player wie die ECE, die Einkaufszentren in vielen Ländern

und dutzendweise mit standardisierten Konzepten

betreibt, dazu bewegen, sich auf solche Spezialfälle einzulassen.

Nicht kurzerhand das Untergeschoss zuzumauern,

sondern sich um ein individuelles Passagenmanagement

zu bemühen und sich vor allem mit einer

moderaten statt exorbitanten Rendite zufrieden zu geben.

Zum Wohl der Allgemeinheit und der Stadtkultur. Das

wäre ein schönes Ziel. Doch bürgerliches Engagement

und Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwesen

Civitas waren einmal Hamburger Tugenden. Das an

der Alster wie jenes am Main oder am Neckar agierende

Kapital kommt heute aus Dubai und Hong Kong. Dort

hat man andere Interessen als der Flaneur in der

Große Bleichen in Hamburg oder in der Calwer Straße in

Stuttgart.

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin